Nietzsche im Dialog
Nietzsche begann als begeisterter Schopenhauer-Schüler und vollzog dann eine radikale Umkehrung. Schopenhauer ist der wichtigste philosophische Gegner im Zarathustra.
- Der Wille ist das fundamentale Prinzip der Realität
- Der Intellekt ist Diener des Willens
- Kritik der rationalistischen Metaphysik
- Schopenhauer: Wille → Leiden → Verneinung (Nirwana). Nietzsche: Wille → Steigerung → Ja-sagen
- Schopenhauer: Mitleid als höchste Tugend. Nietzsche: Mitleid als schwächende Reaktion
- Schopenhauer: Pessimismus als Konsequenz. Nietzsche: Pessimismus als zu überwindendes Stadium
Nietzsche schätzt Kant's intellektuelle Schärfe, lehnt aber dessen Moralphilosophie und Metaphysik grundlegend ab. Kant ist der Höhepunkt der rationalistischen Tradition.
- Wir erkennen nicht 'Dinge an sich'
- Philosophie muss ihre eigenen Voraussetzungen hinterfragen
- Autonomie als philosophischer Wert
- Kant: Kategorischer Imperativ als universelles Vernunftgesetz. Nietzsche: Moral ist Ausdruck von Machtverhältnissen
- Kant: 'Ding an sich' als unerkennbare Wahrheit. Nietzsche: Die Unterscheidung ist philosophisch wertlos
- Kant: Autonomie = Unterwerfung unter Vernunftgesetze. Nietzsche: Autonomie = Selbstgesetzgebung des Schöpfers
Hegel's Geschichtsphilosophie — Geschichte als Fortschritt des Geistes zur Selbsterkenntnis — ist für Nietzsche der Feind. Die ewige Wiederkehr ist der direkte Gegenentwurf zur Hegelschen Teleologie.
- Philosophie muss historisch denken
- Der Geist ist prozesshaft, kein statisches Substrat
- Hegel: Geschichte hat ein Ziel (Weltgeist). Nietzsche: Geschichte ist ziellos, kreisförmig
- Hegel: Vernunft ist in der Wirklichkeit. Nietzsche: Vernunft ist Interpretation
- Hegel: Synthese hebt Widersprüche auf. Nietzsche: Widersprüche sind das Leben
Platon ist für Nietzsche der Ursprungsfeind: Die Verdoppelung der Welt in sinnliche Erscheinung und wahre Ideen-Welt ist der Ursprung aller nihilistischen Metaphysik — und des Christentums ('Platonismus fürs Volk').
- Philosophie als Lebensform
- Der Philosoph als Erzieher
- Platon: Die Ideen sind das Wahre. Nietzsche: Die Sinneswelt ist die einzige Realität
- Platon: Erkenntnis = Rückkehr zur Idee. Nietzsche: Erkenntnis = Schöpfung von Perspektiven
- Platon: Das Gute als höchste Idee. Nietzsche: 'Das Gute' ist eine moralische Fiktion
Marx und Nietzsche sind die beiden großen Anti-Idealisten des 19. Jahrhunderts — beide kritisieren Hegel, beide denken materialistisch, beide sind Kulturkritiker. Aber ihre Therapien sind entgegengesetzt.
- Kritik der bürgerlichen Moral als Ideologie
- Philosophie muss die Welt verändern
- Historische Entstehung von Ideen und Werten
- Marx: Das Kollektiv (Klasse) ist Träger der Befreiung. Nietzsche: Das Individuum (Übermensch)
- Marx: Gleichheit als Ziel. Nietzsche: Gleichheit als Symptom der Herdenmoral
- Marx: Kommunismus als Ende der Geschichte. Nietzsche: Jede Teleologie ist Lebenslüge